Der kleine Pilz

Es war einmal ein kleiner Pilz, der wuchs am Stamm einer riesigen alten Eiche. Es war ein sehr schöner Pilz, mit roter Kappe und lustigen weißen Punkten, doch er war auch sehr einsam, denn weit und breit war kein anderer Pilz zu sehen, und die Tiere des Waldes mieden ihn.
Das störte den kleinen Pilz aber nicht weiter, denn er hatte ein Ziel. Jede Nacht, wenn es dunkel wurde im Wald und die Nachtjäger die Tagtiere ablösten, blickte er sehnsüchtig hinauf durch die Äste der Eiche, direkt zu den Sternen, die dort oben hingen. Wie sehr wünschte er sich, einen dieser so wundersam funkelnden Sterne zu besitzen! Bestimmt würden ihn dann alle bewundern, und nicht mehr so unbeachtet links liegen lassen.
So mühte er sich Tag für Tag damit ab, möglichst schnell zu wachsen. Er wollte so groß werden wie die Eiche, und deshalb gierte er nach jedem Sonnenstrahl, jedem Mineral der Erde, jedem Tautropfen. Doch so fleißig er auch Nährstoffe sammelte, es wollte ihm einfach nicht gelingen, mehr als nur ein paar Millimeter zuzulegen. Niedergeschlagen mußte er eines Abends, die Sterne hatten gerade wieder ihre Plätze in den Ästen der Eiche eingenommen, einsehen, daß er ohne Hilfe nie so groß werden würde wie die Eiche. Er wußte einfach nicht so gut wie die Eiche, wie man denn nun ordentlich wuchs. Aber vielleicht konnte sie es ihm ja verraten!
Er nahm all seinen Pilzmut zusammen und räusperte sich.
Liebe Eiche, ich habe eine Frage an Dich. Du bist so groß und stark, und ich nur so klein und kümmerlich. Verrate mir Dein Geheimnis. Wie kann ich so hoch wachsen wie Du?
Die Alte Eiche ließ ihre Blätter im Wind rauschen, und es klang wie ein Lachen.
Oh, kleiner Pilz, rauschte sie weiter, Ich bin ein Baum, du ein Pilz. Bäume werden groß und stark, denn sie dienen den Vögeln der Luft als Heimat. Ihr Pilze jedoch habt eure Aufgabe nahe dem Boden. So war es schon immer, und so wird es immer bleiben. Ich kann dir nicht helfen. Aber, sage mir, warum will ein kleiner Pilz wie du so hoch hinaus?
Der Pilz wurde noch röter als sonst, und selbst seine kleinen weißen Punkte schimmerten leicht rosa.
Ich möchte so gerne einen Stern besitzen. Sag, kannst du mir nicht einen abgeben von denen, die jede Nacht in deinen Ästen hängen?
Das Rauschen der Blätter wurde lauter und unbeherrschter, und die ganze Eiche bog sich leicht.
Oh, kleiner Pilz, du mußt noch viel lernen. Ich mag groß und stark sein, doch bis zu den Sternen reichen auch meine Äste nicht.
Das Rot des Pilzes verfärbte sich fast ins purpurne. Jetzt war er wirklich wütend, und das ist selten bei Pilzen, denn sie haben ein sehr ruhiges Gemüt.
Du bist ja nur zu geizig, mir einen der Sterne abzugeben, obwohl du doch so viele hast. Und Angst hast du auch, ich könnte wachsen und sie dir stehlen. Aber warte nur, ich werde es dir schon zeigen!
Und von diesem Tag verdoppelte der Pilz seine Bemühungen, zu den Sternen zu wachsen.
Doch es war zwecklos, er blieb so klein wie eh und je. Ganz deprimiert ließ er eines Abends den Kopf hängen, als ein kleines Eichhörnchen vorbeitippelte. Es war auf dem Heimweg in sein Nest und bemerkte wohl den kleinen Pilz. Eichhörnchen sind von Natur aus sehr nachbarschaftlich, und so fragte es den kleinen Pilz:
Kleiner Pilz, was läßt du den Kopf so hängen?
Der kleine Pilz blickte auf und sah das Eichhörnchen. Da keimte eine neue Hoffnung in ihm auf.
Liebes Eichhörnchen, du bist einer der begabtesten Klettertiere im Wald. Willst du mir helfen?
Das Eichhörnchen tippelte etwas näher.
Sicher, wenn ich kann. Was soll ich tun? fragte es.
Trag mich hinauf, zum Wipfel der Eiche, bat der kleine Pilz hoffnungsvoll.
Da schüttelte das Eichhörnchen traurig den Kopf.
Kleiner Pilz, wenn ich dich mit nach oben nehmen würde, müßtest du sterben. So, wie ich mein Nest in der Eiche brauche, so brauchst du die Erde, und die kann ich nicht mit mir nehmen. Aber sag mir, warum willst du unbedingt so hoch hinaus?
Der kleine Pilz erinnerte sich gut daran, wie die Eiche ihm die gleiche Frage gestellt und ihn dann ausgelacht hatte. Doch das Eichhörnchen war viel freundlicher, und so antwortete er:
Ich möchte zu den Sternen. Jede Nacht sehe ich sie da oben hängen, und sie leuchten so fröhlich. Ach, könnte ich ihnen doch nur nahe sein.
Das Eichhörnchen lachte leise, aber auf eine sehr freundliche und zurückhaltende Art. So wurde der Pilz nicht ganz so wütend wie bei der Eiche.
Oh, kleiner Pilz, die Sterne sind noch viel, viel höher als die Äste der Eiche oder sonst eines Baumes. Glaube mir, ich bin weit herumgekommen und an vielen Bäumen hinaufgeklettert, die mächtiger und höher waren als diese Eiche. Doch keiner von ihnen war hoch genug. Keiner reichte bis zu den Sternen. Gib deinen Traum auf, er ist zum Scheitern verurteilt.
Nein! schrie da der kleine Pilz, ich werde meine Sterne erreichen, auch ohne deine heuchlerische Hilfe, du wirst schon sehen. In Wahrheit bist du doch nur zu faul, ganz nach oben zu klettern. Aber ich brauche dich nicht. Ich komme alleine klar!
Bestürzt blickte das Eichhörnchen ihn noch kurz an, dann zuckte es mit den Schultern und huschte die Eiche hinauf.
Einsam wie nie zuvor blieb der kleine Pilz zurück. Ein paar Tage versuchte er, dem Boden zu entkommen und das Laufen zu lernen, aber auch dieser Plan schlug fehl. So stand er ein paar Abende später immer noch vor der Eiche, mit hängendem Kopf, und blies Trübsal, als er ein leises Wispern und rascheln zu seinem Fuße bemerkte. Vorsichtig lugte er unter seiner Kappe hervor und entdeckte tausende und abertausende Ameisen, die damit begannen, an ihm vorbei eine Ameisenstraße zu bauen. Das freute den kleinen Pilz sehr, denn so hatte er ein wenig Gesellschaft. Es dauerte nicht lange, da war die Straße fertig, und die Arbeiter begannen, allerlei Blätter, kleine Äste und tote Insekten zu ihrem Bau zu tragen. Da keimte ein letztes mal Hoffnung im keinen Pilzherz auf, und er rief:
Ameisen, Ameisen, ihr seid meine letzte Hoffnung. Geschwind, klettert die Eiche hinauf und bringt mir die Sterne hinunter. Ich bin sicher, ihr schafft das, was Eiche und Eichhörnchen nicht konnten.
Der Strom der Ameisen brach nicht ab, und der kleine Pilz glaubte schon fast, sie hätten ihn nicht gehört oder sogar absichtlich überhört. Doch dann bemerkte er im Rascheln und Wispern, das von den tausend und abertausend kleinen Ameisen ausging, fast so etwas wie eine große Stimme, zusammengesetzt aus tausenden Bruchstücken kleiner Ameisenstimmen.
Kleiner Pilz, gerne würden wir dir helfen, raunten sie, und deine Worte schmeicheln uns, aber jedes Kind weiß doch, daß die Sterne riesige Feuerbälle sind, größer als die Eiche, ja, sogar größer als der ganze Wald. Die können selbst wir nicht tragen. Tut uns leid.
Nun war der kleine Pilz wirklich wütend. Hatte sich denn die ganze Welt gegen ihn verschworen? Er schimpfte auf die Ameisen ein, nannte sie Drückeberger, Ignoranten und schlimmeres, bis sie ihre Straße von ihm wegverlegten und nie wieder gesehen waren.
Wütend befahl der kleine Pilz den Sternen, zu ihm hinunter zu fallen, doch diese wollten nicht auf ihn hören. So war der kleine Pilz wieder ganz allein, und diesmal schien es keine neue Hoffnung zu geben.
Da kamen eines Tages Menschen durch den Wald. Sie hatten einen großen Korb dabei, und hin und wieder bückten sie sich und warfen etwas in ihn hinein. Neugierig beobachtete der kleine Pilz diese Wesen, wie sie immer näher kamen. Einer der kleineren Menschen fand etwas, nicht allzuweit entfernt, und hob es auf. Doch ein großer Mensch sah das und sprach mit lauter Stimme zu dem kleineren, so daß dieser das Gefundene wegwarf, in Richtung des kleinen Pilzes.
Dieser staunte nicht schlecht, als er erkannte, daß es ein Pilz war, einer mit roter Kappe und weißen Punkten. Zuerst freute er sich sehr, denn nun war er nicht mehr allein. Aber der andere Pilz reagierte nicht, wenn er ihn ansprach. Da wurde dem kleinen Pilz klar, daß der andere Pilz tot war, und eine große Angst ergriff ihn. Der andere Pilz war frei von der Erde, aber er war ohne Leben. Hatte das Eichhörnchen doch recht gehabt? Und vielleicht auch all die anderen, die Eiche, die Ameisen? Nein, das durfte nicht sein. Sollte er denn wirklich sterben, so, wie dieser Pilz, ohne die Sterne berührt zu haben?
Als diesmal die Nacht hereinbrach, wagte der kleine Pilz gar nicht, unter seiner Kappe hervorzuschauen. Der Tod konnte ja hinter jeder Ecke lauern. Doch dann...
Neben sich sah der kleine Pilz etwas blinken und blitzen. Vorsichtig lugte er unter seiner Kappe hervor.Es war eine Vollmondnacht, und das Mondlicht schien durch die Zweige der Eiche direkt auf den toten Pilz. Strahlend und funkelnd reflektierten dessen weißen Punkte das Licht, sahen aus wie kleine Sterne.
Da lachte der kleine Pilz, und lachte und lachte. Tagein, tagaus hatte er versucht, die Sterne zu erreichten, und all die Zeit hatte er sie auf seinem Kopf getragen.

© Stefan Brinkmann, www.nachtpoet.de, stefan@nachtpoet.de

 

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