Silberne Tränen

Einst lebte ein junges Mädchen, weit, weit weg von diesem Ort, in einer kleinen Hütte nahe am großen Meer. Sie war sehr schön, in ihrem äußeren wie auch in ihrer Seele. Die Eltern des Mädchens waren Fischersleute, arm und bescheiden in ihrer Lebensweise. Jeden Morgen fuhren sie hinaus auf das weite Meer, um Fische zu fangen, die sie dann später auf dem Markt zu verkaufen hofften. Jeden Abend kehrten sie zurück, die Netze halb leer, denn in der Nähe lag an einem Hafen eine große Fischerflotte, die ihnen die Fische wegfingen. Sie hatten gerade genug zu essen, und manchmal ein paar Münzen für neue Kleider. Trotz allem waren sie glücklich, auf ihre eigene einfache Weise.
Der ganze stolz der Fischersleute war ihre Tochter, Sheela. Sie war schön wie die Morgensonne, mit langem, blonden Haar, das locker über ihre Schultern fiel, tiefgrünen Augen, einem zierlichen Gesicht, wie mit feiner Feder auf teures Pergament gezeichnet. Ihre Schönheit war wohl bekannt, doch niemand wollte ein Mädchen aus so ärmlichen Verhältnissen zur Frau. Zudem munkelte man, ihr Vater wäre ein wenig verrückt, und auch die Tochter sähe hin und wieder Gespenster. Nun, sie hatten nicht einmal so unrecht, denn das Mädchen wußte tatsächlich, Dinge zu sehen, die anderen verborgen blieben. Ihr Blick war nicht geblendet durch Gier und Neid, und so sah sie weit hinaus durch Raum und Zeit.
Es kam der Tag, an dem sie nicht, wie sonst, fröhlich an den Klippen wartete, um ihre Eltern in Empfang zu nehmen, sondern niedergeschlagen und mit Tränen in den Augen. Ihr Vater verlangte sofort zu wissen, was denn los sei mit seinem größten Schatz auf Erden, und Sheela erwiderte
Oh, Vater, großes Unglück wird hereinbrechen über unsere Familie.
Ihr Vater nahm sie in seine Arme und tröstete sie.
Meine Sheela, nichts auf dieser Welt soll dir Schaden zufügen. Ich will Dich beschützen, was immer auch komme. Wir sind ehrliche und friedliche Menschen. Wer soll uns Schaden zufügen?
Oh, armer Narr, er wußte nicht, daß das Verhängnis schon seinen Lauf genommen hatte. Der Chef der Fischerflotte hatte das Mädchen oben an der Klippe gesehen, und sein Verlangen nach ihr war groß. Natürlich dachte er nicht daran, sie zu ehelichen, sondern viel mehr, sie wie ein Spielzeug auf sein Schiff zu holen und ganz nah belieben zu benutzen. Der fettleibige Mann fand sich auch schon am nächsten Abend in der bescheidenen Hütte der Fischer ein und bot dem Vater eine hübsche Summe Geld, wenn er ihm seine Tochter überlassen würde. Natürlich lehnte der alte Fischer entrüstet ab. Banor, so hieß der oberste Fischer, war es nicht gewohnt, eine Bitte abgeschlagen zu bekommen, und versprach entrüstet und voller Zorn, sich das Mädchen zu holen, auf die eine oder andere Art.
Am nächsten Tag war die ganze Fischerflotte direkt vor der Küste zu Anker gegangen, an dem die kleine Fischerhütte stand. Als die Fischer an diesem Abend zurückkehrten, waren ihre Netzte leer. So ging es auch den nächsten Tag, und den Tag danach, und immerfort. Bald schon kamen die Fischersleute in arge Bedrängnis. Das Brot ging zur Neige, und das Geld war verbraucht. Was sollten sie tun?
Auch Sheela sah das große Leid ihrer Eltern, und sie gab sich die Schuld. Wer sonst außer ihr hatte denn die Aufmerksamkeit des Elends auf ihr Leben gelenkt. So beschloß sie im geheimen, sich Banor hinzugeben, denn sie wußte, ihre Eltern würden eher verhungern, als sie zu verkaufen. Gleich am nächsten Morgen wollte sie gehen.
In dieser Nacht träumte sie von einer kleinen Insel, weit hinaus in der weiten See, und von einem jungen Mann, der auf diese Insel lebte. Auch sein Haar war blond, seine Augen so grün wie ihre, und er war von stattlicher Natur. Er blickte direkt zu ihr hin, und Sheela meinte, ihr Herz müßte zerspringen.
Als sie erwachte, war es schon hellichter Tag, ihre Eltern waren draußen auf See, unermüdlich bemüht, doch noch einen Fang zu machen. Sheela rannte hinauf zu den Klippen, und starrte hinaus auf das Meer, so, als ob sie hoffte, die Insel aus ihrem Traum zu sehen. Doch da waren nur die Schemen der Flottenschiffe, und sie wurde sich ihrer traurigen Lage bewußt. Da begann sie jämmerlich zu weinen, denn sie spürte, der Junge ihrer Träume lebte irgendwo dort draußen, weit weg, ohne einen Weg zu ihr, und sie würde für alle Zeiten dem fetten Banor gehören.
Ihre Tränen waren rein und klar, fast wie reine Magie, und als sie das Wasser berührten, wurden sie zu Silber. Hätte Sheela dieses Wunder gesehen, sie hätte sie aus dem Wasser fischen und verkaufen können, und alles wäre anders gekommen, doch sie hatte die Hände vor ihr Gesicht geschlagen und ihre Augen waren verschleiert durch ihre Tränen, und so merkte sie es nicht.
Die silbernen Tränen sanken schnell hinunter auf den Grund des Meeres, wo ein fette Fisch lebte, der in all seinen Jahren immer den Netzen der Fischer entkommen war. Einmal hatte ihn der alte Fischer im Netz gehabt, doch damals war er noch klein und schmächtig gewesen, und so hatte er ihn zurück ins Meer geworfen. Ob sich der Fisch daran erinnerte, oder ob es einfach nur Zufall war, wer weiß, jedenfalls fraß er gierig die silbernen Tränen, schluckte jede einzelne. Dann begann er zu schwimmen, tief am Boden entlang, wo kein Netz ihn erreichte. Wie schon gesagt, er war alt, und er spürte sein Ende kommen. So schwamm er hinaus aufs weite Meer, an allen Schiffen vorbei, ohne Ziel. Es war, als versuche er, dem Tod zu entkommen.
Doch der Tod war schneller.
Als er ihn erreichte, war der alte Fisch schon nahe an eine kleine Insel herangekommen, und sein Kadaver wurde an deren Strand gespült.
Dort fand ihn ein junger Mann mit blondem Haar und grünen Augen. Loon war sein Name, und er lebte bei einem alten, weisen Einsiedler, der ihn vor vielen Jahren als kleines Kind am Strand gefunden hatte. In Wahrheit war der alte Mann ein Traummagier, denn er hatte den Schlüssel zu der Kraft von Träumen und Wünschen gefunden. Er konnte alles haben, was er wollte, denn seine Macht war wohl groß, und er hatte sich für diese Insel entschieden, die ihm Essen, Trinken und Ruhe verschaffte, wann immer er es brauchte. Loon war wohl ein Überlebender aus einem gekenterten Schiff, so genau wußte der Weise Mann das nicht. Er hätte es wohl wissen können, doch er hatte schon lange erkannt, daß das Sein mehr zählte als das Wissen. Der Junge war da, das Warum war nebensächlich. Er zog ihn auf und brachte ihm alles bei, was er wußte.
Als nun Loon den Fisch fand, der schon seit Tagen tot war und fürchterlich stank, wollte er ihn schon ins Meer zurückwerfen. Doch im letzten Moment entschied er sich anders. Der alte Mann (seinen wahren Namen kannte er nicht) sagte immer, alles, was passiert, ist verbunden mit feinen Fäden. Ziehst du an einer Sache, so bewegen sich gleichzeitig zehn andere, wenn auch nur ein zehntel so stark. Und jedes dieser zehn bewegt zehn weitere, und so fort. Manchmal, wenn die Bewegung sehr heftig ist, reichen diese Bewegungen sehr weit. Wer lernt, sie auch dann zu spüren, wenn sie schon fast verklungen sind, und ihren Ursprung findet, der wird wahrhaft sehen können. Und nur, wer wahrhaft sieht, kann Glück finden.

Der Fisch war größer als alle anderen, die Loon je von dieser Art gesehen hatte. Er holte ein kleines Messer aus Bronze aus seiner Tasche und schlitze das tote Tier auf. Wie überrascht war er, als er die silbernen Tränen fand. Vorsichtig holte er sie aus dem toten Fleisch, eine nach der anderen. Als er alle in seinen Händen hielt, da sah er das Gesicht eines jungen Mädchens vor sich, so unvergleichlich schön, daß sein Herz zerspringen wollte. Zwar hatte er natürlich noch nie einen anderen Menschen als seinen Meister gesehen. doch dieser hatte ihn schon das eine oder andere mal auf Traumreisen mitgenommen, in denen er körperlos durch das Land reisen konnte, zu den anderen Menschen, um sie zu beobachten und von ihnen zu lernen. Doch kein Mensch glich diesem Bild, daß nun vor seinem Auge stand.
Es war nur ein Augenblick, bevor es wieder verschwand, doch der Augenblick reichte. Loon hatte den tiefen Schmerz in dem Herzen von dem Mädchen gespürt, und er hatte nur noch ein Ziel: Er mußte ihr helfen.
Sofort eilte er zu seinem Meister, um ihm zu berichten. Er fand ihn in seiner Hütte, in tiefe Meditation versunken. Loon hätte sonst niemals seinen Meister in einer Meditation gestört, doch diesmal hielt es ihn nicht mehr zurück, und er sprudelte mit dem eben erlebten hervor.
Der Meister winkte schnell ab.
Ich weiß, was dir widerfahren ist. Es ist gut, daß du dem Mädchen helfen willst, auch wenn ich dich vermissen werde. Nur in deinen Träumen kann ich dich dann besuchen. Doch es wird nicht leicht werden für dich. Du kannst diese Insel nur verlassen, wenn deine Wünsche bis zum Festland hinüberreichen, und nur die ehrenhaften Wünsche werden dich tragen. Und nun geh, finde dein Schicksal.
Der junge Mann tat, wie ihm geheißen. Er ging hinaus an den Strand und ließ seine Wünsche aus sich herausfließen. Jeder Wunsch wurde in seiner Vorstellung zu einem Teil einer Brücke, die sich über das Meer spannte. Und siehe da, als er begann, auf das Meer zuzugehen, da wurde er wirklich in die Luft getragen, oder von der Luft, so genau wußte er das nicht, denn er behielt seine Augen geschlossen.
Bald war er am höchsten Punkt angekommen, und langsam wußte er nicht mehr, was er sich wünschen sollte. Da begann er, sich Dinge für andere Menschen zu wünschen, denen er in seinen Traumreisen begegnet war. Und die Brücke trug ihn ein Stück weiter.
Doch immer noch nicht reichte sie ganz bis hinüber. Angst überkam den jungen Mann, und er spürte, wie die Brücke unter ihm zu brechen begann. In seiner Not griff Loon in die Tasche, in der er die Tränen des Mädchens aufbewahrte, und warf eine Handvoll vor sich hin. Und siehe da, die Brücke trug ihn wieder, er konnte sogar bis zu ihrem Ende gehen, denn die Tränen waren wie die Wünsche der Fremden, und er wünschte sich nichts sehnlichster, als ihre Wünsche zu erfüllen.
Als er die Augen öffnete, fand er sich am Rande eines großen Waldes wieder. Er kannte diese Gegend nicht, auch nicht aus seinen Traumreisen, und so war er ratlos, wohin er sich wenden sollte. Da erinnerte er sich an die Worte des Weisen Mannes:
Wenn du nicht weißt, wohin dein Weg dich führen soll, laß dich von deinen Hoffnungen leiten.
Und so schloß Loon die Augen und ließ seine Hoffnungen aus sich herausströmen.
Als er sie wieder öffnete, stand da ein weißer Wolf vor ihm, der gleich darauf im Wald verschwand. Loon folgte ihm, so schnell ihn seine Beine trugen, und zunächst konnte er gut Schritt halten. Als sie jedoch drei Tage und drei Nächte so gelaufen waren, ließen seine Kräfte nach, und der Wolf entkam.
Verzweifelter denn je, im tiefen, dunklen Wald gefangen und ohne jede Orientierung, setzte er sich auf einem Stamm und ließ den Kopf hängen. Da fiel aus seiner Tasche eine einzelne silberne Träne, und noch bevor sie den Boden berührt hatte, war sie zu einem Vogel geworden. Hätte Loon seinen Kopf in die Hände gestützt und wären seine Augen verschleiert gewesen, so wäre alles ganz anders gekommen. So jedoch sah er das Wunder und verstand. Die Tränen waren die verlorenen Hoffnungen des Mädchens. So griff er in seine Tasche und holte die restlichen Tränen heraus, warf sie hoch in die Luft, und siehe da, sie wurden zu einem Vogelschwarm, der ihn bis hin zu einem kleinen Fischerhaus geleitete.
Nun war schon eine Woche vergangen, seit das Mädchen sich entschieden hatte, Banor gefügig zu sein. Wahrscheinlich wäre sie schon längst mit ihm auf hoher See oder in einem fremden Land als Sklave verkauft, doch zu ihrem Glück war eines von Banors Schiffen gesunken, als es mit einem anderen Fischerboot zusammengestoßen war, und Banor war vollauf beschäftigt, den Chef der anderen Fischer zu verklagen. So hatte man Sheela spottend weggeschickt, als sie vor einer Woche zu seinem Schiff gekommen war, mit dem Rat, es doch noch mal in einer Woche zurückzukommen. Ihr Vater, der nichts von ihrem Versuch wußte, hatte daraufhin überraschend einen Kredit von Banors Leuten bekommen, so daß sie noch eine Woche durchhalten konnten. Doch gefangen hatten sie nichts mehr.
Als nun Loon an dem Fischerhaus ankam, geführt von den Vögeln, die sich auf dem Dach niederließen, fand er Sheela, wie sie vor der Hütte auf einer Bank saß. Doch wie hatte sie sich verändert. Ihr Gesicht war grau und alt geworden, ihr Haar weiß. Als sie ihn erblickte, sprang sie auf, und kurz schien da das alte Glänzen in ihren Augen. Doch es verschwand sofort wieder. Ihre Hoffnung hatte sie verlassen, und so erkannte sie Loon, der zerkratzt und verdreckt war durch die Reise, nicht wieder.
Schweigend standen sie sich gegenüber, und Loon wußte nicht mehr ein noch aus. Er ging auf sie zu und schüttelte sie, und Sheela ließ es geschehen. Alles Leben schien sie verlassen zu haben. Loon griff in seine Tasche, doch er hatte all die Tränen für die Vögel vergeben, und so konnte er Sheela ihre Hoffnung nicht zurückgeben. Doch dann berührten seine Hände einen kleinen, glatten Gegenstand in seiner Tasche, und als er ihn heraus fischte, war es eine letzte Träne. Sie hatte sich in einer Falte verborgen, und so hatte er sie nicht gleich finden können. Vorsichtig drückte er sie dem Mädchen in ihre widerstandslosen Hände.
Zuerst schien nichts zu geschehen. Doch dann hob Sheela langsam die Hand mit der Träne und öffnete sie. Als sie die Träne erblickte, kehrte ein Funken Hoffnung zurück, und sie erkannte den jungen Mann aus ihrem Traum. Sie fiel ihm in die Arme und weinte vor lauter Glück. Und die Tränen vielen auf den Boden und wurden zu kleinen Kristallen. Das verliebte Paar merkte nichts davon, doch die Vögel, die aus den Tränen der Hoffnung gemacht waren, flogen zu Boden und aßen die Tränen des Glücks. Und so wurden auch sie zu Kristall.
Als die Fischer an diesem Abend mit leeren Netzen zurückkehrten, fanden sie das Paar, immer noch eng umschlungen, inmitten von Dutzenden kostbaren kristallenen Figuren von Vögeln wieder. Der junge Mann wurde freudig aufgenommen, und durch den Verkauf der Vögel hatte die Familie für immer und ewig ausgesorgt.*

 

* Alle Träumer, die nicht aufwachen wollen, mögen hier ein und sie lebten glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende einfügen und den Rest überspringen. Alle anderen mögen weiterscrollen (auf eigene Gefahr).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Sie kauften die Fischerflotte von Banor auf und ruinierten ihn damit. Loon entdeckte sein Talent für Marketing und baute in kürzester Zeit ein Fischerimperium auf. Sheela begann, als sie ihren Mann immer seltener zu Gesicht bekam, gefallen an anderen Männern und exotischen Drogen zu finden. Als Loon von ihren Eskapaden mit anderen Männern erfuhr, begann er sie zu schlagen. Lange Zeit hatte Sheela zu viel Angst, um sich von ihm zu trennen, und erst, als ihr Vater von all dem erfuhr, ihre Mutter war schon an gebrochenem Herzen gestorben, und ihr ins Gewissen redete, klagte sie die Scheidung ein. Sie gewann den Prozeß und kassierte so den Großteil des Vermögens. Loon, ruiniert und ohne seine Lebensaufgabe, stürzte sich von der Klippe, auf der Sheela ihre Tränen geweint hatte. Wenige Monate später starb auch Sheela an einer Überdosis Drogen.*

Woher ich all dies weiß? Nun, ich traf den weisen Mann, der von seiner Insel gekommen war, um der Beerdigung seines Ziehsohnes beizuwohnen. Er erzählte mir die Geschichte, und als er geendet hatte, fragte ich ihn, wo denn der Fehler gelegen habe.
Nun, sagte der Traummagier, vielleicht wäre alles anders gekommen, hätten sie nicht ihre Hoffnung und ihr Glück verkauft.
Er war schon ein seltsamer Kauz.

 

* Ich habe euch gewarnt!

© Stefan Brinkmann, www.nachtpoet.de, stefan@nachtpoet.de

 

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