Nightly Poem 24-05-10 (Fragwürdiges Begräbnis)
24. Mai 2010 um 12:26 UhrFragwürdiges Begräbnis
Wir tragen zu Grabe die Frage.
Sie machte Sinn,
doch brachte nur Unsinn zu Tage.
Jetzt liegt sie drin
im moorigen Boden der Wahrheit,
wo manch Gewürm
sich nährt an den Leichen der Zagheit.
Erst hieß es: “Stürm
die eisige Festung aus Schweigen.”
Wir stürmten los,
doch flüchteten bald in den feigen
Selbstlügen-Schoß.
Wir graben die Tragik zu Tage,
sie rührt uns nicht,
und trauern scheinheilig der Frage
falsch ins Gesicht.
So tragen zu Grabe die Frage
wir ohne Sinn.
Sie brachte uns alle in Rage.
Jetzt ist sie hin.
Epilog: Ich mag ja Fragen. Fragen sind toll. Die richtig guten verraten uns oft mehr über den anderen als die Antwort über uns selbst erzählt, und die richtig richtig guten zwingen uns dazu, uns selbst und unser Weltbild in Frage zu stellen, neu zu betrachten und zu bewerten.
Fragen sind aber, wie die meisten Dinge, ein zweischneidiges Schwert, und dort, wo die Klinge richtig scharf wird, ein gefährliches Werkzeug. Es gibt Fragen, die wir uns nicht stellen. Aus gutem Grund, oftmals, weil wir (noch) nicht fähig sind, die Antwort zu ertragen. Weil sie unser Weltbild nicht nur in Frage stellen, sondern bis auf die Grundfeste einreißen.
Ich bin ja jemand, der lieber Fragen stellt als Antworten zu geben, wenn jemand mich um Rat bittet. Zum einen, weil ich des anderen Antworten nicht kenne, nur er selbst. Zum anderen, weil selbst, wenn ich ihm seine Antwort geben könnte, er sie erst begreifen kann, wenn er selbst drauf kommt. Eine ausgesprochen effektive Technik, aber keine einfache. Weil die sinnvollen Fragen nicht immer die richtigen sind, Weil es Fragen gibt, die nicht laut ausgesprochen werden wollen, egal, wie groß und schreiend sie im Raum stehen. Weil es manchmal darum geht, den anderen nicht direkt zu seinen Antworten, sondern zuerst zu seinen Fragen zu führen. Ein Tanz im schlangenverseuchten Minenfeld, manchmal.
Ich mag Fragen, Gerade weil sie manchmal gefährlicher und nachhaltiger sind als Antworten. Weil die richtigen Fragen in der Lage sind, die Welt in Schutt und Asche zu legen. Und weil es Menschen braucht, die anders als ich diese Fragen stellen, ohne Rücksicht auf Verluste. Weil gerade diese Fragen an mich in meinem Leben viel gutes bewirkt haben, und immer noch bewirken.
Weil ich mir in jungen Jahren einmal den Sinn des Lebens so definiert habe: “Der Sinn des Lebens ist die Suche nach der Antwort auf eine Frage, die wir nicht kennen.”
Und weil ich nicht müde werde, diese Frage zu suchen.
May the Night bless You
Der NachtPoet
Stefan Brinkmann
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