Nightly Poem 21-05-11 (Was am Ende blieb)
21. Mai 2011 um 08:24 UhrWas am Ende blieb
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Epilog: Ladies and Gentleman, darf ich vorstellen, das bisher kürzeste Gedicht des NachtPoeten. Reduziert auf eine Überschrift (die hier alle notwendigen Worte tragen muss, vier an der Zahl) und ein Punkt.
Ich finde es großartig. Verzeiht mir meine fehlende Bescheidenheit und überschäumende Begeisterung, aber, ehrlich, in diesen wenigen Zeichen zeigt sich das, was für mich die Faszination der Dicht-Kunst ausmacht. In reduzierter Form ein Maximum an Gefühl, Geschichte zu transportieren. Und was für eine Geschichte allein diese paar Zeichen erzählen!
Ich meine, ernsthaft, nimm Dir einen Moment, werter ZuLeser, lass das ganze auf Dich wirken, überleg, was es bedeutet, wenn am Ende nur ein Punkt blieb. Ob Du das vielleicht selbst schon erlebt hast. Ich warte hier, geh nicht weg, versprochen…
…
…
*Kaffee nachschenk*
…
…
Ah, da bist Du ja wieder. Hast Du (D)eine Geschichte gefunden? Dann lass mich Dir meine erzählen, wenn Du magst.
Zunächst das offensichtliche. Der Punkt, an sich, hat die Tendenz, immer am Ende zu stehen. Er bleibt dort, das ist sein Job, keine Überraschung. Am Ende blieb der Punkt, denn da bleibt er immer. So weit, so simpel.
An wessen Ende? Nun, da wird es interessant. Am Ende eines Satzes. Eines Absatzes. Einer Geschichte, vielleicht. Nicht am Ende einer Frage, zumindest nicht ohne Kringelhut, auch nicht am Ende eines Ausrufes, ohne das Stöckchen. Er markiert ein recht nüchternes Ende, so neutral wie nur möglich. Getrippelt wäre es ein offenes Ende, aber hier steht er allein…
…und da sind wir beim wirklich interessanten Teil. Nämlich dem, was da nicht steht. Dem, was fehlt. Nämlich alles, was gefälligst vor einem Punkt zu stehen hat. Der Satz, Absatz, die Geschichte, der Roman, das epische Werk. Nichts davon zu sehen. Was am Ende blieb, ist hier NUR ein Punkt. Eine Ende ohne Inhalt, ohne Anfang, oder Mitte. Ohne Sinn.
Nur kann es kein Ende ohne einen Anfang geben. Außer, der Anfang war zugleich das Ende, und Inhalt…
Aber halt, da ist die Überschrift: “Was am Ende blieb”. Vergangenheitsform. Rückblick, auf ein Ende. Also von jenseits des Punktes. Was blieb, das kann heißen, was übrig blieb, von vormals mehr. Es gab also etwas vor diesem Punkt. Eine Geschichte, vielleicht, von der nichts übrig blieb als das nüchterne Ende. Ausradiert, gelöscht, als hätte es sie nie gegeben. Und wenn der, welcher zurückblickt, selbst ein Teil dieser Geschichte war, dann sieht er sich selbst als mit ausgelöscht, zumindest sein Selbst vor dem Punkt.
Aber warum wurde die Geschichte vor dem Punkt ausgelöscht? Vielleicht war es eine Liebesgeschichte, die ein Ende fand. Kein gutes Ende, möchte man meinen, denn sonst hätte es wohl die Geschichte getragen. Aber ein eindrucksvolles Ende, denn sonst hätte es keinen Bestand, wäre mit der Geschichte im Nirvana entschwunden. Ein Ende also, welches so endgültig war, so trostlos, dass es die Geschichte verschlang, aus dem Gedächtnis der Beteiligten und Zuschauer eliminierte, so dass nur das Ende als Fakt übrig blieb.
Und so erzählen diese Vier-Worte-Überschrift und der einsame Punkt mir eine Geschichte, die nicht sein durfte, die von ihrem Schluss ad acta geführt wurde, für immer verloren, konserviert in einem alles verschlingendem, maximal reduziertem Ende.
Und doch trägt sie einen Funken Hoffnung in sich. Denn jeder Punkt eröffnet einen neuen Beginn. So lange das Vorhergegangene nicht abgeschlossen ist, kann kein neuer Satz entstehen, ohne den kein neuer Absatz, Kapitel, Geschichte… Und auch, wenn der Verlust einer Geschichte schmerzt, so weiß gerade jeder Schreiberling, dass man manchmal eine Geschichte loslassen muss, wenn sie nichts taugt. Mit ihr abschließen, einen Punkt setzen und eine neue beginnen.
Am Ende wird immer ein Punkt bleiben. Nur, mit etwas Glück, trägt der nächste eine Geschichte auf seinem Rücken.
P.S.: Auf http://fundstuecke.nachtpoet.de haben sich noch ein paar Nachzügler eingefunden.
May the Night bless You
Der NachtPoet
Stefan Brinkmann
www.nachtpoet.de
www.nightlypoem.de
www.nachtvertont.de
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